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„Ich begegnete ihm vor 15 Jahren. Man hatte mir gesagt, da sei nichts mehr: keine Vernunft, kein Gewissen, nicht einmal das grundlegendste Verständnis von Leben oder Tod, von Gut oder Böse, von Richtig oder Falsch. Ich begegnete diesem … sechsjährigen Kind mit seinem leeren, blassen, ausdruckslosen Gesicht und … den schwärzesten Augen – den Augen des Teufels. Acht Jahre lang versuchte ich, ihn zu erreichen, und weitere sieben, ihn eingesperrt zu halten. Denn ich hatte erkannt, dass hinter den Augen dieses Jungen nichts anderes lebte als … das Böse.“
John Carpenters Klassiker Halloween aus dem Jahr 1978 begründete nicht nur das moderne Slasher-Genre. Er brannte auch eine Atmosphäre tief in die Amygdala der Popkultur ein, die seither unzählige Male nachzuahmen versucht wurde. Doch lassen sich die Verfolgung, die Angst, das Böse und das Unausweichliche in ein Videospiel übertragen?
Das von IllFonic entwickelte Spiel verspricht nichts Geringeres als ein beklemmendes, der Filmvorlage treues Michael-Myers-Erlebnis: ein Horrorspiel, wie wir es noch nie gesehen haben. Der größte Trumpf der Entwicklung war zweifellos die aktive Mitwirkung von John Carpenter selbst und Malek Akkad, dem langjährigen Produzenten der Filmreihe. Dem Versprechen nach sollen damit auch der Horror in der Ästhetik der 1970er-Jahre und das unaufhaltsame Böse auf unsere Bildschirme kommen.
Haddonfields Straßen sind dunkel und bedrohlich. Das schwache, gelbliche Licht der Straßenlaternen dringt durch die Äste, vom Herbstwind aufgewirbelte Blätter fallen auf die Veranden. Fast meint man, die kalte Oktoberluft im eigenen Zimmer zu spüren. Das Fest des Schreckens rückt näher. Tod, Vergänglichkeit und die allgegenwärtigen grinsenden Kürbisfratzen wirken noch wie ein kindlicher Gruselspaß – bis die lebendige Verkörperung des Fluchs, der auf dem Städtchen lastet, nach Hause zurückkehrt.
Auf das urtümliche Böse, das in den friedlichen amerikanischen Alltag einbricht, kann einen nichts vorbereiten. Niemand ahnt etwas. Warum sollte bei einem Fest voller Kostüme und wohligem Grusel eine unheimliche Gestalt mit Maske Verdacht erregen? Schließlich ziehen Geister, Skelette, Hexen und Zombies durch die Straßen. Das Küchenmesser ist bestimmt auch nur aus Plastik, das Blut bloß Kunstblut und das Gesicht, das an Frankensteins Monster erinnert, lediglich eine alberne Maske.
„Fünfzehn Jahre lang beobachtete ich ihn, wie er in einem Zimmer saß und eine Wand anstarrte. Er sah die Wand nicht, er blickte durch sie hindurch. Er blickte auf diese Nacht, wartete mit unmenschlicher Geduld darauf, dass irgendein geheimer, lautloser Alarm ihn in Bewegung setzen würde. Der Tod ist in Ihre kleine Stadt gekommen, Sheriff. Sie können das ignorieren, oder Sie helfen mir, ihn aufzuhalten.“
Bevor wir uns ins Chaos des Mehrspielermodus stürzen, erwartet uns eine überraschend umfangreiche und bis ins Detail durchdachte Einzelspielerkampagne. Im Genre der asymmetrischen Horrorspiele legen Entwickler selten so viel Wert auf das Offline-Erlebnis. Bei Halloween: The Game war dieser Schritt allerdings beinahe Pflicht. Die Einzelspielerkampagne bildet einen eigenständigen Storymodus, der die Ereignisse des Originalfilms von 1978 vollständig aus der Perspektive von Michael Myers nacherzählt, begleitet von Dr. Sam Loomis als Erzähler.
Die Geschäfte, die Inneneinrichtung der Häuser, die Tapetenmuster, das Flimmern der Röhrenfernseher und die zeitgenössische Analogtechnik vermitteln gemeinsam das Gefühl, in einer Zeitkapsel eingeschlossen zu sein. Doch jemand beobachtet uns. Jemand lauert im Dunkeln, jenseits des Lichtscheins. Und so wachsam wir auch sind: Er gelangt hinter uns, kreist uns ein, holt uns ein. Carpenters ikonische, minimalistische Synthesizer-Melodien ziehen die Spannung in die Länge und lassen das vertraute Grauen immer näher rücken. Das langsame, gleichmäßige Atmen, das selbst durch die Maske hörbar bleibt, macht schließlich klar: Alles war vergebens, unser Schicksal hat uns eingeholt.
Haddonfield wird zur Sandbox, in der wir die ikonischsten Momente des Filmklassikers von 1978 nacherleben können. Zugleich ergänzt das Spiel die Geschichte um bislang ungesehene Ereignisse hinter den Kulissen. Hier lernen wir, die Dunkelheit als Waffe einzusetzen, unsere Opfer aus der Ferne zu beobachten, ohne uns zu verraten, und in einer scheinbar friedlichen Kleinstadt zu einem unsichtbaren, aber allsehenden Mörder zu werden.
Es ist eine düstere Reise in eine Psyche, die so nur selten auf dem Bildschirm zu erleben ist. Tatsächlich können wir dabei die Perspektive des unaufhaltsamen Bösen nachvollziehen, dem jede Empathie fremd ist. In der Rolle von Michael Myers rennen wir nicht über Stock und Stein und springen nicht durch Fenster. Auch die Verfolgung nimmt eine völlig andere, ungewohnte Form an. Unsere Waffen sind unerschöpfliche Geduld, die lähmende Gewissheit unserer Opfer, ihrem Schicksal nicht entkommen zu können, und die unheimliche Fähigkeit, genau in jenem Moment zuzuschlagen, in dem sie am wenigsten damit rechnen.
„Ich betete, dass er in der Hölle brennen würde. Doch tief in meinem Herzen wusste ich, dass selbst die Hölle ihn nicht haben wollte.“
Was auf dem Reißbrett als Konzept und Spielmechanik überzeugt, wirkt im tatsächlichen Spiel allerdings manchmal etwas seltsam. Den Rückmeldungen zufolge sind die Atmosphäre und die Darstellung der Epoche in Halloween: The Game sehr gut gelungen, und dem kann ich zustimmen. Befremdlich wird es dagegen, wenn Michael gleich im ersten Abschnitt, der seine Flucht aus der Psychiatrie behandelt, „stirbt“, weil ihn Licht geblendet hat. Genau das meldete das Spiel, und der Level musste von vorn begonnen werden. Auch das Anschleichen und Beobachten, das sogenannte Stalking, und die dadurch gesteigerte Angst haben bei den Fans gemischte Gefühle ausgelöst. Einerseits beschwören der Blick durch die Augenschlitze der Maske, das schwere Atmen und das Verfolgen des Opfers die Filmvorlage sehr anschaulich herauf.
Dass dieser Debuff beim Opfer relativ schnell wieder abklingt, wirkte dagegen eher wie eine erzwungene Spielmechanik. Auch dass wir bei jedem Haus zunächst die Telefonleitung kappen und anschließend den Strom abschalten, wurde auf Dauer zu repetitiv. Hin und wieder kommt es in Halloween zudem zu heftigen Rucklern und Einbrüchen der Bildrate – warum, wissen wohl nur die Entwickler. Bei einer Verfolgung oder beim Erkunden eines Hauses ist das alles andere als willkommen. Gut gelungen ist hingegen die Fortbewegung durch Schatten und Dunkelheit. Sie macht eine Flucht tatsächlich fast unmöglich, und die Fähigkeit, beinahe überall und jederzeit aufzutauchen, erinnert ebenfalls an die Filmszenen. Bei bestimmten Schlüsselfiguren und ikonischen Opfern gibt es zusätzliche Punkte, wenn sie auf dieselbe Weise wie im Film ums Leben kommen. Fans haben hier also einen Vorteil gegenüber Gelegenheitsspielern.
Halloween: The Game ist ein waschechter Titel für Erwachsene ab 18 Jahren, der den Wurzeln des Slasher-Genres treu bleibt. Die Entwickler gingen derart kompromisslos vor, dass die Brutalität des Spiels schon vor der Veröffentlichung einen handfesten Skandal mit internationaler Resonanz auslöste. So musste die physische und digitale Veröffentlichung der PlayStation-5-Version in Japan in letzter Minute abgesagt werden, weil die dortige Prüfstelle CERO dem Spiel wegen übermäßiger Gewalt und Nacktheit eine Altersfreigabe verweigerte.
Das lässt sich durchaus als gutes Zeichen werten. Die Entwickler haben spürbar viel Mühe darauf verwendet, die Kinoatmosphäre auf den Bildschirm zu bringen, auch wenn sich manche Mechaniken weder einfach noch ohne Weiteres übertragen lassen. Insgesamt lohnt es sich für Halloween-Fans auf jeden Fall, Haddonfields herbstliche Straßen auch in dieser Form zu erkunden. Am Ende bleibt nur eine Frage: als Jäger oder als Opfer?




































